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Nu is et rum

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Nu is et rum

fĂĽr meene ehemalige Nachbarin Frau Maier im Wedding

So, nu is et rum. Sach doch eener noch die Leut kommunizieren nich miteinander. Feuer, sach ick, n`Lauffeuer is´n Klacks dajegen. Dit is sowat wie´n flächendeckender Hausbrand. Jetzte weeß ick ooch warum mir die alte Bogenschneider aus´m Seitenflügel, heut janz früh, beim Ausmüllen zu jewunken hat, so janz überenergetisch, richtich energisch. Macht se sonst nie.
Nu is et rum.

Ick kam grad von außen her, vom Schrippenfang. Und sie, die Gallon, Hintahaus dritta Stock, von innen her, mit eenem wohl ähnlichem Plan.
Mit einem schlaftrunkenen „Juten Morgen“ übergaben wir uns die schwere Eingangstüre. Sie wollte jrad mit ihren ausgeprägten Überbeinen loseiern, da klickerte ihr wat durch.
„Sagen se mal, junger Mann“, und ihr Blick wurde stechend, „diese schöne Musik, sie wissen schon, diesen alten Sänger, der die janzen Lieda singt aus unserer Zeit, der singt det aba haarjenau wie bei uns damals, wo ham´se denn die erstanden? Bei Karstadt, ja?“ Und ihre Hand kam aus ihrem Braunbärmantelärmel geschossen und zeigte durch die Toreinfahrt von der gegenüberliegenden 5, durch die Hintahäuser, durch zwee sich querstellende Straßenschluchten auf das imaginäre Karstadt am Leo.
„Ach sie meinen die Cassette die ick der Frau Maier…“
Jetzt dämmerte et mir. Jetzte sah ick die Beeden, die Gallon, und meene rechte Seite, die Maierische, uffn Pläuschchen, bei´ner Tass Kaff mit´n Stück knochen-trockenen Rührkuchen zum tunken; die Maier den neuen Hammer zückend, die Cassette unter prensentatorischen Gegickergackere reinschiebt und Spannungs-bogen zerreißend supa langsam die Starttaste vom alten GrundichCassetten-knödler runterfeiert. Und denn, und denn sollte nur noch een Moment mit Kirchenschiffsstille, Laufwerksgeräuschen, und Gallon´s sinngefingere über ihren Mund; schönste Zeit, vergehen, bis er, der Max Raabe, seine Version von „Schöna Jigolo armer Jigolo“, in die Mädels, direkt in die Mädels trällert.
Gallon´s Oogen werden Ballons jeworden sein. Lauter fassungslose Nein´s
– „Nein, das is ja…Nein, das is ja toll, toll is das, das is aba ooch…, also nein!“ – werden den Raum befĂĽllt haben, bestimmt. Da mussten schnell, mit een paar jestopften Kuchenhapsen, die Fakten her. Und diese auszuschmĂĽcken, das war so was wie Maierische Gabe. Altdamen-Kunst.

Et war wohl grad mal zwee Tage her, als ick selbst, dit erste Mal, bei de Maierischen uffn Stück Rührkuchen und ne Tasse schwaten Weichmacher mich uff ihr weinrotet Plüsch eingenistet hatte, ne Max Raabe Cassette im leichten Reisegepäck, die mir in den Hintern kniff. Jahreszeittechnisch nur Plüsch und nich uff dem Balko-bäncken und blumenbemusterte Kissen. Leider.
Sie hatte einen Balkon. Übrigens im Sommer der einzigste mit schönsten Blumen. Ick hab zwar öfter Blumen, aber keen Balkon und wat ick viel schlimmer finde keene Badewanne.
Da ham wa, wie jesacht, bei ner Tass Kaff, uffn PlĂĽschmeer dit nachbarliche Geschäft besiegelt. Dit – du uff du – war schon als juter Wille in ihrer Stimme manifestiert, aber – du sie Herr Mats, sie Mats, du Herr Sie -, stellten sich ständich jegenseitich die Beene.
Ne Bottel Rosé war ihr nicht abzuschlagen, nach´n bißicken Ziergebärden und hin und her schieb.
– Und ihr jungen Leute trinkt doch jern trocken, – und sie hatten doch Unkosten, und meen: – dit einzigste wat et jekostet hat, is zeit, und die hat ick gerade.
So schwippschwappschwebten wir uns in wohltuensten Wohltuensbeteuerungen, wie dicke Kähne sich durch weiche Schlappasahne kähnen, und schwups stand die Bottle wieder unter meener Neese.

Aber vielleicht fange ick zur Abwechslung mal janz von vorn an. Keene Angst nich bis zurück zum Adamsappel. Warten´se ick spul zurück.
Anjefangen hatte dit nämlich an dem Tach, angefangen, nee anders, anjefangen hat dit allet janz harmlos…ach mensch viel einfacher.
Ick jut druff, also juta Dinge. Hörte deshalb, immer wenn ick jut druff bin, oder voll sauertraurich ooch, hör ick die Musik laut, und so ooch an diesem Tage die neue Max Raabe zum dritten Mal, da, uff eenmal klingelte et. Denk ick bei mir, krichste noch Besuch? Ach, letzte Woche schon jenuch jehabt, bestimmt nur die Zeugen-geh-hof-aas, und so bog ick wieder ab Richtung Warmzimmer. Et klingelte aba feucht fröhlich unuffhörlich weita, lauta scheints, versuchte dem Maxe richtich eene reinzubimmeln. Da brach die Dämmerung also doch noch uff mich ein. Dit is dit Telephon meen Sohn! Geh ick ran, da is dit die Maierische, meene Benach-barte. Na, die hätte doch ooch an de Tür klingeln können.
Ick denk – Auwei, et is bestimmt wejen der lauten Musik.- Aba hörn wa doch ruhich O-Ton, zuerst icke:
„Moment, Moment, ick versteh nischt, kleenen Zement noch, ick mach nur ma leisa“, brüllte ick in die Muschel. Ick drehte den Max uff Zimmalautstärke, wat imma dit ooch is.
„Ja, wer is da?“
„Hier is Frau Maier, ihre Nachbarin, ick wollte nich stören, ick weeĂź sie haben Besuch (hat ick aba jarnich), aba sagen se mal die Musik…“
„Zu laut, wa? Sorry Frau Maier. Ick hab schon runter jedreht, oda is immer noch zu laut? Ick sitz doch ina Küche und die Anlage steht drüben und da dreh ick imma bißicken uff, wissen´se?“
„Ja, ick weeß ja, ina Stube brennt ja ooch keen Licht, sonst müßten´se ja im Dunkeln sitzen!“
Ah-ha. Hat´se wieder uff Balkon jestanden. Kiekermann und Söhne!
“Et is gleich Ruhe im Karton“, wollt ich abkürzen.
„Aba nicht doch Herr Mats“, pflanzte sie jemĂĽtlich weiter, „deswejen ruf ick doch nich an. Ick wollt doch nur wissen von wem diese schöne Musik is, die erinnert mich so an frĂĽha, wenn se vielleicht nochmal diesen schönen Titel…dit mit dem Jigolo,…und kleen wenich lauta…“
Na aba Hallo, wollt ick so staunend in de Sprechpause denken, da war dit ja keene.
„…Wissen´se dit is aus meener Jugendzeit, wo ham se dit nur her, is´n dit ne Langspielplatte?“
„Nee CeeDee!“
„Ach Zehdeh, dis´ja man schade, ick hab ja nur´n Tonbandjerät, und der Kopp is´n biĂźchen runta, hatte meen Mann schon damals gesacht, der is ja mittlerweile, ach wenn nich sogar schon zehn Jahre dot, und seitdem hab ick da…wenich, wirklich wenich jehört, alleene hört man ja doch nich so….“
Sie versumpfte in ihren Gedanken.
„Also ick leg jetzt uff und leg mal los. Oder woll´se über Telephon hören?“, schnatterte ick.
„Nee bloß nich, dit jeht ja ins Immense. Ick hör durch die Wand janz jut!“
Wir legten uff. Ick hörte sie mitträllern. Kaum war der Jigolo davon geritten bimmelte meene Banane wieder, die Maierische dran, ob ick mich erbarmen könnt und nochmal dit….
„Wissen´se wat, wir hörn dit jetzt von vorn und laut und ick nehme ihnen dabei die Zehdeh uff Cassette uff, wat halten se davon?!“
„Dit wĂĽrden se machen“, mit dieser geprillten Ausallenwolkenfallstimme, „das wär mir aber…, da wĂĽrden sie mir aber eine Freude machen, wenn´s denn ooch keene Umstände macht! Wer singt denn dit ĂĽberhaupt?
„Der Max Raabe“
„Kenn ick nich, aba jut macht der dit, ooch´n Älterer schon?
„Nee, een janz Junga“
„Wat kost den so´ne Leercassette?“
Ick winkte ab, klacksich, mit so´nem abschätzenden Laut. Zungenschnalzer.
„Lange nich mehr jekooft, sowat. Hat meen Mann immer jekooft“
„Aba dit Abspieljerät, dit tut´s doch noch“
„Och ja, dit tut´s noch.“
„Et sind nur acht Lieda druff, uff de Zeh…Abspieldisc…“
„Ja machen´se nur alle ruff“
Ja ja, ick meene et is noch Platz. Sie haben noch Wünsche frei, den Albers, den Moser, den Rühmann, die Marlene, die Walldorf, wat hätten´se denn jern, oda bißicken wat französischet? Die Piaf, die mag ick ja sehr!“
Erleichtert sprang se rin:
„Ja die Piaf´sche, die is jut, die mischen´se ma mit unta.“
„Is recht Frau Maier.“

Tja, so bin ick zu jekommen, mit der Gallon´schen im Hausflur sich die Kaltbeene in den Bauch zu stehen und den nächsten KaffeeklatschcassettenĂĽbergabetermin fest zu klĂĽttern. Den wiederholte sie dreimal, bevor sie sich in ihrem Oma-Braunbärmantel auf und davon machte. Ich kannte sie nur in diesem Mantel, der gutmĂĽtig, oda brummig, sich jut an ihre Stimmung anpassen konnte, dieses Zehnzentna-Vieh von Mantel. – Keen Wunda das dit so stabile Weibsbilda jeworden sind -, tragen jeden Tach ihr FĂĽnf Kilo Päckchen. Eisenmantel. Tragen se mal so´n Ding, da muĂź man imma mit de Schultern gegen halten.
Bin jetzt schon janz jespannt wie die Gallon einjerichtet is. Ob die ooch so´n altet Plüschschiff im Zimmer zu stehen hat? Kaffee wirds geben, da bin ick sicher, und nich zu knapp. Und uff ihren Rührkuchen, uff den bin ick erstma jespannt. Ob man den ooch erstma in Kaffee ertränken muß?
Wird sie ihren Mantel in der Stube tragen, oder wo hängt der Braunbär?

10/3/1995
8/6/1995
verknĂĽppert mit der geschichte „Uff ne tass kaff“ – enfassung 20/1/1996
erste endfassung vom 20/21/26/1/1996
22/5/1996 / kleiner Schliff, am Anfang 19.1.2009

Foto: Auschnitt, Brian Kostiuk, unsplash